Tierarztpraxis

Dr. med. vet. Klaus-Peter Schwesig : Tel. 05231 - 34 21 8              -   Lagesche Str. 31   -   32756 Detmold   -

"... das ist doch krank !"  - "... aber der schnarcht immer so süß !" - Qualzuchten

Oft erkennen wir Patienten schon, bevor sie die Praxis betreten, an ihrer schnorchelnden Atmung. Fast immer sind es dann Bulldoggen (englische oder französische), Boxer, Cavalier King Charles-Spaniel, Boston-Terrier, Mops oder Pekinesen.      

                  All diesen Rassen ist eines gemeinsam : sie wurden von sog. Züchtern ( besser : Hundevermehrern) hin zu einem kranken ´Rasse-Standard` der kurzen Köpfe ohne Nase, dafür aber übergroßen Glubschaugen gezüchtet, um über den unserem archaischen Instinkt innewohnenden Pflegetrieb Geld zu machen.   Vorschub leisten beim Kaufverhalten solcher Rassen insbesondere Filme und Werbung, bei denen dann digital nachgeholfen wird, um diesen Tieren ein möglichst menschliches Aussehen mit Kindchenschema ( großer, kurzer Kopf mit großen Augen) zu verpassen, um die Werbebotschaft möglichst tief in unserem Unterbewußtsein zu plazieren.  Hauptsache die Kasse stimmt !                                                                                                                                                                                                                           

 

Durch die Zucht auf  ´ babyface ` wurden der Schädel verkürzt, die Augen abnorm vergrößert mit der Folge, daß durch die zu kleinen Nasenlöcher der Plattnasen, die später manchmal sogar operativ erweitert werden müssen, zu wenig Luft gezogen werden kann. Das ist aber noch nicht alles : die Liste der mit solchen Defektzuchten einhergehenden Mißbildungen ist lang : zu dünne Schädelknochen mit offenen Fontanellen mit internem Wasserkopf (Chihuahua), eingerollte oder hängende Augenlider (Boxer, Bulldogge), durch verkürzte Oberkiefer Zahnfehlstellungen bis hin zu fehlenden oder sogar querstehenden Zähnen, verformte und zu große Nasenmuscheln mit zu engen Nasengängen im zu kurzen Schädel ( chronische Atemnot mit Hecheln auch in der Ruhe), zu große Zunge, zu langes Gaumensegel (->Schnarchen ! ), instabiler Kehlkopf (Larynxkollaps), weiche Luftröhre, Glubschaugen wegen zu flacher Augenhöhlen, Schielen, extreme, oft vereiterte Hautfalten im Gesicht über der Nase, häufiges Erbrechen ( zu lange Speiseröhre) und Speicheln unter Stress.                                                                                                                         Dieses als Brachyzephalen- (Kurzschädel-) Syndrom bezeichnete Krankheitsbild als gewollte (!) erbliche Mißbildungen geht mit lebenslangem Leiden einher, so, als hätten wir eine verstopfte Nase und bekämen - dem Ersticken nahe - immer zu wenig Luft.                           Bei jeder noch so kurzen Narkose müssen diese Patienten für eine ausreichende Versorgung mit Luft ( und im Notfall auch mit Sauerstoff) stets einen Trachealtubus in die Luftröhre geschoben bekommen, der erst nach vollständigem Erwachen gezogen werden darf.                                                                            Nachts müssen diese bedauerlichen Kurznasen oft im Sitzen schlafen ( was sonst nur schwer herzkranke Hunde tun ), weil sie Angst haben, zu ersticken. Wegen der deutlichen Atemnot und der schlechten Sauerstoffversorgung des Gehirns haben sie einen gestörten Schlafrhythmus mit teilweisem Atemstillstand und häufigen Aufwachphasen, fallen bei Aufregung schnell in Ohnmacht oder verenden in heißen Sommern dann oft plötzlich und unerwartet wegen eingeschränkter Wäremetoleranz.   Das ist auch der Grund, warum die Kurzschädelrassen (auch solche Katzenrassen) seit dem 1.Januar 2020 lt. den neuen Frachtbestimmungen der Fluggesellschaften nicht mehr im warmen Frachtraum mitfliegen dürfen.  Die Airlines haben eine Liste mit 20 (!) ent sprechenden Hunde- und 5 solcher Katzenrassen zusammengestellt (Dt.Tierärztblatt 4/2020;68).                                         

                       Das sollten mögliche Interessenten wissen, bevor sie sich für solche schwerst mehrfach behinderten, spätere Problem-Patienten entscheiden. In den Niederlanden dürfen schon seit 2019 solche Problemrassen gar nicht mehr gezüchtet werden. Auch bei uns ist nun endlich ein Umdenken und Gewohnheitsändern nötig, aber das dauert bekanntlich am längsten, denn eine Umfrage ergab, daß ca. 58% (!) der Besitzer solcher Rassen die Atemnot als eben rassetypisch und nicht bedenklich einstufen. Aus diesem Grund hat im November 2019 die Tierärztkammer Berlin eine große Plakat-Aktion ("...das ist doch krank "  -  Qualzuchten) in Restaurants, Bussen und Geschäften in Form von Flyern, Postkarten, Aufklebern und Postern gestartet (www.umdenken-tierzuliebe.de : ´Ihr findet uns süß, aber Ihr wißt nicht, wie wir leiden`).      
                                                                                                                                                                                                                  Alle reden vom Tierschutz und regen sich über zu lange Transportwege von Nutzvieh in Drittländer auf, aber das Leiden direkt nebenan in unseren Wohnzimmern wird übersehen, obwohl dies der §11b, Abs.1 des Tierschutzgesetzes ( Verbot von Qual- und Defektzuchten ) verbietet !                         

Ziel muß es sein, diese kranken "Rassestandards" aufzugeben und endlich gesunde und vor allem schmerz- und leidensfreie Tiere zu züchten, wie es auch das Tierschutz- und das Tierzuchtgesetz vorschreiben. Bei Perserkatzenzüchtern hat die Kehrtwende hin zu ´mehr Nase` schon begonnen, und beim Kupierverbot hat es ja auch  geklappt.                                                                                                                                                                                                                Dafür müssen wir die künftigen Hundebesitzer sensibilisieren. Dieser Aufgabe haben wir Tierärzte uns verschrieben, wozu auch gehört, auf Qualzuchten bei anderen Tierarten (Kaninchen, Meerschweinchen, Nacktkatzen, etc.) hinzuweisen und auf Veränderungen der Zuchtziele hinzuwirken - auch auf die Gefahr hin, daß diese Kunden dann aus vermeintlicher Betroffenheit und Scham oder lauter Ignoranz die Praxis nicht mehr aufsuchen . . .







(Quelle : Prof.Dr. Achim Gruber, Ph.D., Institut für Tierpathologie der Freien Universität Berlin                                                                Dr. Friedrich Röcken, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Qualzucht beim Klein- und Heimtier" der                                  Bundes Bundestierärztekammer Schleswig)